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Ich wollte nie von meiner Kunst leben müssen

  • Autorenbild: Petra van Bellen
    Petra van Bellen
  • 20. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Was geschieht mit etwas, das uns am Herzen liegt, wenn es plötzlich unsere Rechnungen begleichen muss?


„Ich wollte meine Kunst verkaufen.

Es gibt diesen Satz, der ungefähr so oft auf Instagram auftaucht wie Sonnenuntergänge und Frauen mit Kaffeetassen:

„Mach Deine Leidenschaft zum Beruf – dann musst Du nie wieder arbeiten.“

Klingt wunderbar. Ein bisschen nach Freiheit, Morgensonne die ins Atelier scheint und einem Leben, in dem man barfuß zwischen Leinwänden steht, während sich die Kunst beinahe wie von selbst verkauft.

Nur hatte offenbar niemand den zweiten Teil auf die hübsche Postkarte geschrieben:

Was passiert mit Deiner Leidenschaft, wenn sie plötzlich Deine Rechnungen bezahlen muss?


Natürlich wollte ich meine Bilder verkaufen, ein verkauftes Bild bedeutet schließlich mehr als Geld. Es bedeutet, dass jemand vor Deiner Arbeit steht und etwas darin erkennt - eine Erinnerung - einen Teil von sich selbst oder die Frau, die sie gern wäre, wenn sie endlich aufhören würde, sich für ihre Größe zu entschuldigen.


Verkaufen war nie das Problem.Das Problem war dieses kleine Wort, das sich irgendwann in mein Atelier schlich, sich ungefragt auf meinen Stuhl setzte und blieb:

müssen!


Petra van Bellen nachdenklich vor einem Frauenporträt in ihrem Atelier


Ich wollte Kunst verkaufen. Aber ich wollte nicht, dass jedes neue Bild meine Existenz retten muss.


Plötzlich malte der Markt mit


Ich stand vor der Leinwand, nahm die Kohle in die Hand (die Zeichenkohle) – und noch bevor der erste richtige Strich gesetzt war, begann eine fremde Stimme in meinem Kopf zu kommentieren.


  • Ist der Blick der Frau zu ernst?

  • Die Farbe zu dunkel?

  • Das Motiv zu unbequem?


Und wer hängt sich eigentlich eine Frau ins Wohnzimmer, die einen ansieht, als hätte sie sämtliche Ausreden der vergangenen zwanzig Jahre durchschaut?


Während ich malte, dachte ich bereits an Menschen, die noch nicht einmal vor dem Bild standen. Ich stellte mir ihre Wohnungen vor, ihre Reaktionen – und manchmal sogar die Farbe ihres Sofas. Dabei male ich doch Frauen, die nicht mehr um Erlaubnis bitten und ausgerechnet ich begann, meine Bilder um Erlaubnis bitten zu lassen.


  • Sie durften Haltung zeigen – aber bitte nicht zu viel.

  • Sie sollten auffallen, sich anschließend jedoch harmonisch in die Einrichtung einfügen.

  • Rebellion gern, nur passend zu den Vorhängen.


Wann war aus meiner Kunst eigentlich ein Bewerbungsgespräch geworden?


Künstlerleben? Ein Blick auf die Zahlen


Dass wirtschaftlicher Druck im Kunstbetrieb kein "exklusives Privatdrama" von mir ist, begriff ich erst später. Die Zahlen der Künstlersozialkasse zeichnen ein erstaunlich unromantisches Bild:

➤ Das durchschnittliche gemeldete Jahreseinkommen der dort versicherten Frauen in der bildenden Kunst liegt Anfang 2026 bei 17.543 Euro.

➤ Bei Künstlerinnen über 60 sind es durchschnittlich nur 14.396 Euro.

➤ Männliche Versicherte in der bildenden Kunst kommen im Durchschnitt auf 24.802 Euro.

Diese Zahlen erzählen nicht jede einzelne Biografie - aber sie zeigen, dass die Sorge um den nächsten Verkauf nichts mit fehlender Leidenschaft zu tun hat. Der Kunstbetrieb liebt das Bild der freien Künstlerin – nur ihre finanzielle Freiheit scheint gelegentlich jemand anderes bezahlen zu sollen. Quelle: Künstlersozialkasse – KSK in Zahlen


Und dann wundern wir uns, wenn Künstlerinnen nicht nur über Farben, Formen und ihre innere Stimme nachdenken, sondern auch darüber, ob das nächste Bild die Miete bezahlen kann.


Die Muse mag vieles sein, eine zuverlässige Finanzberaterin gehört offenbar nicht dazu.

Frauenporträts von Petra van Bellen im Atelier






Irgendwann betrachtete ich meine Bilder nicht mehr nur als Kunst.

Sie sollten funktionieren, gefallen und sich möglichst schnell verkaufen.










Nachts wurde weitergerechnet


Je wichtiger der nächste Verkauf wurde, desto weniger malte ich aus Neugier.

Jede Idee musste zunächst beweisen, dass sie vernünftig war.

Vernunft kann im Leben ja ausgesprochen hilfreich sein, aber im Atelier benimmt sie sich allerdings gelegentlich wie eine Frau im makellosen weißen Hosenanzug: sehr elegant und ständig darauf bedacht, bloß keinen Fleck abzubekommen.


Kunst braucht den Fleck, sie braucht das Übermalen, das Misslingen und diesen einen Strich, von dem man noch nicht weiß, ob er genial oder eine mittlere Katastrophe ist.

Doch dafür braucht man inneren Spielraum - und meiner wurde immer kleiner.


Irgendwann malte ich nicht mehr nur im Atelier - Nachts malte mein Kopf weiter.

Ich lag wach und dachte an unfertige Bilder und ausgebliebene Verkäufe. Meine Leinwände standen zwar mehrere Kilometer entfernt, in Gedanken lehnten sie jedoch alle gleichzeitig an meiner Bettkante - Still - Vorwurfsvoll - Unverkauft.


Wenn ich malte, zweifelte ich an dem, was entstand. Wenn ich nicht malte, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Und wenn ein Bild fertig war, fragte ich nicht zuerst, ob es mich berührte, ich fragte: Wird es jemand kaufen?


„Man kann eine Leidenschaft so lange prüfen, bis sie selbst nicht mehr weiß, warum sie einmal gekommen ist.“

Dann kündigte meine Kreativität


Wie reagiert eine Frau, die ihr Leben lang Verantwortung übernommen hat, wenn etwas nicht funktioniert? - Sie macht einen Plan.

Also plante ich mehr. Ich entwickelte Konzepte, schrieb Listen und behandelte meine Kreativität wie eine unzuverlässige Mitarbeiterin, die dringend an ihrer Leistungsbereitschaft arbeiten musste. Meine Kreativität reagierte angemessen professionell: Sie kündigte innerlich.

Ich saß vor der Leinwand und konnte nicht mehr malen, nicht weil sämtliche Ideen verschwunden waren. NEIN - zwischen jeder Idee und ihrer Umsetzung stand inzwischen eine schlecht gelaunte Türsteherin, die sofort wissen wollte, ob sich das Ergebnis verkaufen ließe · Zu persönlich · Zu riskant · Heute leider nicht.


Irgendwann kam keine Idee mehr durch. Diese Stille im Atelier war keine erholsame Pause. Sie fühlte sich an, als hätte ich den Zugang zu einem Teil von mir verloren und je angestrengter ich versuchte, diesen Zugang wiederzufinden, desto weiter entfernte er sich.


Unfertiges Mixed-Media-Porträt während des Malprozesses





Die Ideen waren nicht verschwunden. Aber zwischen ihnen und mir stand ständig die Frage, ob sie sich verkaufen würden.








Von meiner Kunst leben – aber zu welchem Preis?


Lange hatte ich gefragt: Wie kann ich von meiner Kunst leben?

Bis ich begriff, dass ich die Frage umdrehen musste:


Wie will ich leben, damit meine Kunst nicht länger für mein ganzes Leben verantwortlich ist?

Das war der Wendepunkt.

Meine Bilder konnten etwas erzählen, provozieren und berühren, aber sie sollten nicht länger meine finanzielle Rettungsinsel sein, das war zu viel Verantwortung für eine Leinwand. Ich musste mein Leben so aufstellen, dass ein Bild zunächst entstehen durfte, bevor es sich beweisen musste. Wie ich das geschafft habe, ist eine andere Geschichte – eine mit Entscheidungen, Zahlen und deutlich weniger Blattgold.


Aber plötzlich kam etwas zurück, das ich fast verloren hatte: meine Neugier.


Geld ist nicht der Feind der Kunst


Ich möchte meine Bilder noch immer verkaufen - sehr sogar.

Armut ist schließlich kein Qualitätssiegel und eine bezahlte Rechnung kein Verrat an der Kunst. Geld war nie der Feind - der Feind war die Angst, die bei jedem Pinselstrich mitentscheiden wollte.

Heute darf eine Frau auf meiner Leinwand unbequem schauen. Sie muss nicht freundlich wirken und schon gar nicht farblich zum Sofa passen. Sie darf eine Geschichte mitbringen, die sich nicht in drei dekorativen Sätzen erklären lässt.

Vielleicht findet sie schnell ihren Menschen, vielleicht bleibt sie länger bei mir, aber sie darf erst einmal Kunst sein.



Heute darf ein Bild erst einmal Kunst sein, bevor es Ware wird.


Ich wollte ein Leben, in dem meine Kunst leben darf


Vielleicht hatte ich Erfolg lange falsch verstanden.

Ich dachte, Erfolg als Künstlerin müsse bedeuten, möglichst viele Bilder zu verkaufen und irgendwann vollständig von der Kunst leben zu können (kann ja noch werden).

Heute bedeutet jedoch Erfolg für mich etwas ganz anderes.


  • Frei genug zu sein, ein Bild nicht verändern zu müssen, nur damit es leichter gefällt.

  • Mutig genug zu sein, eine Frau zu malen, die ihren Raum einnimmt.

  • Und klar genug zu erkennen, dass finanzielle Sicherheit meiner Kunst nicht die Seele nimmt – sondern ihr den Rücken freihält.


Ich wollte nie aufhören, mit meiner Kunst Geld zu verdienen, ich wollte nur aufhören, jedes Bild danach zu beurteilen, ob es mich retten kann.


Ich wollte nie von meiner Kunst leben müssen. Ich wollte ein Leben schaffen, in dem meine Kunst leben darf.

Und was musst Du nicht mehr beweisen?

Vielleicht gibt es auch in Deinem Leben etwas, das einmal leicht begann und irgendwann unter unzähligen Erwartungen begraben wurde.

Eine Arbeit. Eine Idee. Ein lange gehegter Wunsch.


Was würdest Du heute gern wieder tun, ohne dass es sich sofort beweisen oder rechnen muss?


Schreib mir Deine Gedanken in die Kommentare. Ich freue mich darauf, von Dir zu lesen.



💌 Darf es ein wenig persönlicher sein?

Nicht jeder Gedanke passt in einen Instagram-Post und manche Geschichten brauchen mehr Raum als eine schnelle Bildunterschrift zwischen Kaffee und Algorithmus.

In meiner ARTelier Post nehme ich Dich alle zwei Wochen mit ins Atelier: zu neuen Werken, Ausstellungen und den Gedanken, die entstehen, bevor ein Bild überhaupt einen Titel hat.



Kein Dauerfeuer. Kein tägliches „Du musst“. Nur Kunst, Haltung und gelegentlich ein wenig Glitzer.


Bis bald

Deine Petra

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